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22. Mai 2018
Der Fußballschiedsrichter – Sportler oder Gewerbetreibender?

Die Bundesliga geht in die Sommerpause, die Hamburger bereiten sich nach einer nervenaufreibenden Endphase auf die nächste Saison und vor allem die Stadtderbys vor.

In diesem Jahr kann die bundesligafreie Zeit zumindest teilweise mit der Weltmeisterschaft überbrückt werden. Mannschaften, Trainer, Funktionäre, Fans und Schiedsrichter machen sich bald auf den Weg nach Russland. Im Fokus stehen natürlich die sportlichen Ereignisse und Ergebnisse. Aus steuerlicher Sicht stellt sich allerdings noch eine ganz andere Frage: Wo sind eigentlich die dabei erzielten Einkünfte zu versteuern?

Für die Gruppe der Schiedsrichter hat der Bundesfinanzhof (BFH) hierzu in seinem Urteil vom 20.12.2017[1] grundlegende Wertungen getroffen. Dem Verfahren liegt vereinfacht folgender Sachverhalt zugrunde: Ein Fußballschiedsrichter hat sowohl national als auch international Spiele geleitet. Von FIFA bzw. UEFA wurde er z. B. bei einer Weltmeisterschaft und bei Champions-League-Spielen eingesetzt. Die Vergütung für die internationalen Spiele wurde aus der Schweiz überwiesen.

Der BFH hatte nun im ersten Schritt zu entscheiden, welche nationale Einkunftsart durch die Schiedsrichtertätigkeit verwirklicht wird. Sind die Schiedsrichter abhängig beschäftigte Arbeitnehmer oder doch Gewerbetreibende? Oder handelt es sich um sonstige Einkünfte? Das Gericht setzt sich differenziert mit den Definitionen und Abgrenzungen auseinander und kommt schließlich zu der Entscheidung, dass insgesamt eine gewerbliche Tätigkeit vorliegt und der Schiedsrichter in Deutschland über eine (Geschäftsleitungs-)Betriebsstätte verfügt.[2] Der Schiedsrichter muss somit neben Einkommensteuer auch Gewerbesteuer zahlen (wobei diese Belastung durch die Anrechnungsmöglichkeit gemindert wird).

Vorliegend pfiff der Schiedsrichter auch Spiele außerhalb von Deutschland. Wenn man davon ausgeht, dass auch der andere Staat die Schiedsrichtervergütung besteuern möchte, kann eine Doppelbesteuerung entstehen. Deutschland hat mit vielen Staaten Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) abgeschlossen, durch die eine doppelte Belastung vermieden werden soll.[3]

Grundlegend war zu entscheiden, welches DBA überhaupt anwendbar ist: das mit der Schweiz, weil die Zahlungen von FIFA bzw. UEFA geleistet werden? Oder doch das mit dem Staat, in dem das jeweilige Fußballspiel stattfindet? Der ersten Auffassung hat der BFH eine klare Absage erteilt. Maßgeblich ist vielmehr, in welchem Land das Spiel tatsächlich stattfindet und der Schiedsrichter pfeift.

Darauf aufbauend ist zu prüfen, welche abkommensrechtliche Einkunftsart vorliegt. Unbestritten bewegt sich ein Schiedsrichter während des Spiels – vielleicht sogar ähnlich viel wie die Spieler. Da er allerdings nicht am Wettkampf selber teilnimmt, ist er laut BFH kein Sportler. Vielmehr liegt auch nach DBA eine unternehmerische Tätigkeit vor. Eine Besteuerung z. B. im WM-Staat ist davon abhängig, ob der Schiedsrichter auch eine Betriebsstätte im anderen Staat hat. Die zeitweise Nutzung der Schiedsrichterkabine reicht für eine Betriebsstättenbegründung allerdings nicht aus. Somit wird das vollumfängliche Besteuerungsrecht Deutschlands durch die DBA nicht eingeschränkt.

Demnach hat der Schiedsrichter alle weltweit erzielten Einkünfte in Deutschland zu versteuern. Ob die Finanzverwaltung für „Altfälle“ eine Übergangsregelung vorsieht, ist derzeit noch offen.

[1] Urteil des BFH vom 20.12.2017, I R 98/15, DStR 2018, 449.

[2] Der BFH hält an seiner Auffassung fest, dass es keine betriebsstättenlosen Einkünfte („floating income“) gibt.

[3] Weiterhin ist zusätzlich das nationale Steuerrecht und die Abkommensauslegung des Tätigkeitsstaats zu prüfen – u. U. kann faktisch eine Doppelbesteuerung entstehen.

Dipl.-Ökon. Dr. Simone Wick
Steuerberaterin, Fachberaterin für Internationales Steuerrecht